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Shirin sitzt neben dem Bild von Frau Bock auf einem Sofa im Ute Bock Haus

„Wir sind eine Familie“

Bei ihr kommen alle zusammen und sie findet für jede*n ein offenes Ohr. Shirin Behrends-Basha, Leiterin der Wohnbetreuung im Flüchtlingsprojekt Ute Bock, erzählt über ihre vielfältigen Aufgaben im Ute Bock Haus.

„Man versucht eine Perspektive für die Zukunft zu geben, damit jemand ein bisschen Hoffnung hat“

Zeit für ein Gespräch mit Shirin Behrends-Basha zu ergattern, ist mitunter manchmal schwer. Ihre Tür steht immer offen, Klient*innen kommen mit kleinen und großen Themen zu ihr, meistens ist sie sowieso im Ute Bock Haus unterwegs. Zum Jubiläum hat sie sich Zeit genommen über die letzten Monate zu reflektieren. Wir waren neugierig, wie sich ihre tägliche Arbeit durch den Ukrainekrieg, die rechtsextreme Aktion am Dach des Ute Bock Haus und die Teuerungen verändert hat.

Du scheinst immer unterwegs zu sein. Gibt es eigentlich einen „typischen“ Arbeitstag für dich?

Nein, ich plane zwar jeden Tag, aber es kommen hunderte Dinge dazwischen und die müssen alle erledigt und koordiniert werden. Konfliktmanagement gehört auch oft dazu. Ich mache mir einen Plan, aber es läuft immer anders.

Mit welchen Themen kommen die Bewohner*innen im Ute Bock Haus zu dir?

Mit den schwierigen Themen. Zum Beispiel, wenn sie eine Beschwerde schreiben möchten oder einen Anwalt brauchen, wenn ein Ergebnis vom Gericht kommt. Da ich mich sehr gut auskenne, landen sie bei mir. Zu mir kommen sie auch, wenn sie eine Ausbildung machen möchten, die einen gewissen Betrag kostet, den sie nicht haben. Einer unserer Bewohner hat einen Platz in einer niederösterreichischen Schule gefunden und muss die täglichen Zugfahrten irgendwie bezahlen. Da helfen wir, denn mit der Grundversorgung alleine geht sich das nicht aus. Viele Klient*innen kommen zu uns, um sich einfach einmal auszusprechen und alles rauszulassen. Oft hören wir einfach zu und sprechen gut zu. Man versucht eine Perspektive für die Zukunft zu geben, damit jemand ein bisschen Hoffnung hat.

Ist in letzter Zeit etwas besonders Schönes in der Arbeit passiert, das du erzählen kannst?

Wir haben immer wieder großartige Nachrichten von Bewohner*innen, die vor der Abschiebung gestanden sind und nach drei negativen Asylbescheiden trotzdem einen Aufenthaltstitel bekommen. In kürzester Zeit finden sie Arbeit. Es ist einfach schön. Dahinter steckt jahrelange Arbeit, bis es zu diesen Erfolgen kommt. Das darf man nicht unterschätzen.

Leiterin der Wohnbetreuung im Ute Bock Haus Shirin B. sitzt neben dem Gemälde von Frau Bock

Shirin findet man häufig in den oberen Stockwerken im Ute Bock Haus, wo die Klient*innen ihre Zimmer haben.
Gemälde von Guido Zehetbauer-Salzer

Diese Erfolge sind sicher auch der Grund, warum du diesen Job gerne machst und auch nach Jahren in der Flüchtlingshilfe noch so motiviert bist.

Auf jeden Fall! Ich bin seit 2015 im Verein Ute Bock dabei, zuerst in der Sozialberatung. Da bin ich natürlich mit diesen Themen immer wieder konfrontiert worden. In der Wohnbetreuung begleitet man Klient*innen oft über Jahre und weiß nie, wie lange es noch geht. Die Situation ist oft so, dass man eine*n Klient*in aufnimmt, der*die nichts hat, keine Ahnung von Österreich hat und noch komplett fremd ist. Dann begleiten wir ihn oder sie für 5, 6, 7 Jahre und das Ziel am Ende ist, dass dieser Mensch selbstständig und unabhängig in Österreich leben kann. Man muss sich vorstellen, wie viele kleine und große Schritte dafür notwendig sind. Erst muss die Sprache gelernt, dann die Gesellschaft und Mentalität verstanden werden. Der rechtliche Part, damit man in Österreich bleiben kann, ist oft ein eigener jahrelanger Kampf. Danach kommt erst die Arbeits- und Wohnungssuche bis zum Auszug. Unser Ziel in der Wohnbetreuung ist, eine Person von A bis Z zu begleiten. Das ist eine sehr befriedigende Arbeit. Auch wenn sehr viel Stress damit verbunden ist, mache ich sie unglaublich gerne.

„Die Aufenthaltsverfahren müssen kürzer und gerechter werden“

Gibt es etwas, dass du ändern würdest, wenn du könntest?

Ich wünsche mir wirklich sehr, dass die Aufenthaltsverfahren kürzer werden. Das wünsche ich mir wirklich für jede*n. Es ist bedrückend und deprimierend, wenn jemand sechs Jahre wartet und dann bekommt er*sie einen negativen Bescheid, obwohl er*sie sich so bemüht hat. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Verfahren kürzer werden. Und dass sie gerecht werden. Personen, die integriert sind, die viel gemacht haben, denen muss gewährt werden, hierzubleiben. Zumindest aus humanitären Gründen.

Im Haus ist die Stimmung derart harmonisch. Alle scheinen fröhlich, obwohl sie in einer so bedrückenden Situation sind. Wie schafft ihr das?

Wir führen sehr intensive Gespräche mit den Leuten. Wir sind auch immer in den oberen Stockwerken, wo die Zimmer im Ute Bock Haus sind, unterwegs. Oft machen wir einfach Spaß und plaudern. Die Bewohner*innen wissen ganz genau, dass sie jederzeit zu uns kommen können und wir ein offenes Ohr für sie haben. Wenn wir merken, dass irgendwas nicht stimmt, dann machen wir den ersten Schritt und gehen auf die Leute zu. Die Bewohner*innen fühlen sich hier wirklich wohl. Ihnen wird zugehört. Sie werden wahrgenommen. Das schätzen sie sehr.

Ich merke auch persönlich, dass ein wirklich gutes Klima im Haus herrscht. Ich denke, das kommt daher, weil jede*r von uns sein bestes gibt, die Menschen als Mensch wahrzunehmen. Ein Mensch, der deprimiert sein kann. Ein Mensch, der glücklich sein kann. Wir freuen uns auch immer sehr mit ihnen. Wenn jemand einen Aufenthaltsstatus bekommt, dann läuft er oder sie sofort runter zu uns und da wird gejubelt und geschrien vor lauter Freude. Wir sind eine Art Familie und wir arbeiten auf Augenhöhe miteinander.

Shirin und ihr Team sind für die Bewohner*innen die ersten Ansprechpartner*innen, egal worum es geht.

Im Ute Bock Haus haben über 90 Frauen, Männer und Kinder ein Zuhause gefunden. Shirin ist mit ihrem Team für sie da.
Gemälde von Guido Zehetbauer-Salzer

„Wir werden niemals zulassen, dass ihnen etwas passiert“

Wie geht es den Bewohner*innen jetzt drei Monate nach der rechtsextremen Aktion der Identitären am Dach des Ute Bock Haus?

Überraschenderweise haben sie sich schnell erholt. Sie haben an dem Tag schon das Gefühl gehabt, dass alle hinter ihnen stehen. Dass am nächsten Tag gleich eine große Hausversammlung stattgefunden hat, wo alle – das ganze Team des Vereins – da waren und ihnen zugesichert hat, dass sie hier bei uns sicher sind und wir niemals zulassen werden, dass ihnen irgendwas passiert, das war ein großes Zeichen, das wir gesetzt haben. Ich glaube, dass das viel bei den Menschen gemacht hat.

Wie hat der Ukrainekrieg deine Arbeit beeinflusst?

Wir haben natürlich auch Flüchtende aus der Ukraine aufgenommen. Ich finde, dass Vielfalt etwas sehr Schönes ist. Diese Vielfalt an Nationalitäten, Sprachen und Kulturen, ein Miteinander statt Gegeneinander, das finde ich schön. Es ist aber natürlich auch eine große Herausforderung. Für die Ukrainer*innen wurde auf der Stelle ein neuer Titel – Vertriebene – erfunden. Obwohl sie in kürzester Zeit die Möglichkeit haben, in Österreich zu bleiben, muss eine Arbeitserlaubnis beantragt werden und es gibt einfach sehr viel zu tun. Wir kennen das Prozedere im Asylverfahren, aber der Vertriebenenstatus ist etwas ganz Neues. Da gibt es viele offene Fragen, die nicht beantwortet werden. Niemand kann genau sagen, wie es weitergeht. Viele Kleinigkeiten sind offen, die aber das Leben dieser Menschen, ihr Leben in Österreich, betreffen. Herausfordernd ist es auch, die Menschen runterzuholen, wenn sie Angst haben, wenn sie nicht mehr wissen, was auf sie zukommt, was die Zukunft bringt.

Das dritte schwierige Thema sind die Teuerungen. Wie spürt ihr die in der Wohnbetreuung und Versorgung der über 300 Klient*innen jede Woche?

Natürlich spüren wir das sehr. Ich mache einmal im Monat einen Großeinkauf und da merke ich schon, dass es nicht nur um die Teuerungen geht, sondern dass ich auch nicht die Produkte kaufen kann, wie wir gewohnt sind. Zum Beispiel konnte ich nur mehr zwei Flaschen Speiseöl kaufen, weil ich als eine Person zähle. Ich kaufe aber für 300 Personen und Familien ein. Deswegen versuchen wir unsere Klient*innen vielseitig zu unterstützen, damit sie gut versorgt sind.

Die Zusammenarbeit mit großen Partnern wie Anker ist toll. Sie liefern uns frisches Brot und Strudel. Das sind kleine Dinge, die eine große Wirkung haben. Ich bin wirklich dankbar über jede Spende, die wir bekommen. Wenn mehrere ein bisschen was geben, dann macht das viel aus. Auch Lebensmittelspenden sind immer willkommen.

„Ich wünsche mir, dass wir denselben Weg weitergehen, den Frau Bock angefangen hat“

Warum ist gerade das Projekt ReStart so bedeutend für unsere Klient*innen?

Weil es genau da hilft, wo sie es am dringendsten brauchen. Ich betreue Klient*innen, deren einzige Chance, einen Aufenthaltstitel in Österreich zu bekommen, ist, dem Gericht zu zeigen, was sie in den letzten 5, 6 Jahren in Österreich gemacht haben. Es wird ihnen angerechnet, wenn sie eine Ausbildung machen, wenn sie einen Beruf lernen. Aber da sie noch keinen Aufenthaltstitel haben, müssen sie die Ausbildungen selbst finanzieren. Das Geld haben sie nicht. Wenn wir mit dem Projekt ReStart Ausbildungen finanzieren können, haben wir damit wirklich großartige Hilfe geleistet.

Andererseits helfen wir Familien, die einen positiven Aufenthaltsstatus bekommen haben, und endlich ihre eigenen vier Wände wollen. In Wien eine Wohnung zu finden, die leistbar ist, ist ein Albtraum. Die Suche allein dauert oft Monate. Dann muss erst Provision und Kaution finanziert werden. Vom Herrichten der Wohnung noch gar nicht zu reden! Mit ReStart kann ich ihnen entgegenkommen und helfe mit der Kaution oder Möbeln. Ohne diese Hilfe könnten wir nie das Ziel erreichen, dass sie unabhängig und selbstständig in Österreich leben.

Mit Restart können wir unseren Klient*innen eine reale Unterstützung geben, die ihr ganzes Leben beeinflussen wird. Wenn wir jemandem eine Ausbildung finanzieren, er dadurch ein österreichisches Zeugnis bekommt und zeigen kann, dass er in diesem Beruf ausgebildet ist, dann kann er*sie sich etwas aufbauen. Das ist, was ich den Menschen geben möchte: Den ersten Stein für die Zukunft. Weiterbauen müssen sie selbst, aber den ersten Stein haben wir ihnen gelegt. Das ist mein Wunsch.

Was wünscht du dir noch für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir denselben Weg weitergehen, den Frau Bock angefangen hat. Frau Bock hat für die Menschen gelebt. Wir haben ein tolles, vielfältiges Team und viel mehr Möglichkeiten als Frau Bock damals gehabt hat. Mein Wunsch ist, dass wir mit unserem Team weiterhin so vielen Menschen wie möglich helfen. Oft höre ich von Klient*innen, die bereits ausgezogen sind, wenn sie zurück an diese Zeit denken, dass es die schönste Zeit war, die sie hier in Österreich erlebt haben. Sie sagen: „Ich habe so viel gelernt und ihr habt uns so toll unterstützt. Ihr habt unser Leben in Österreich leichter gemacht.“ Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass das ganze Team weiter seinen Teil beiträgt, dieses vollkommene Bild zu schaffen – das Bild von Frau Bock. Mein Wunsch ist, dass wir alle zusammen diesen Weg weitergehen, den sie damals angefangen hat.

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Dieser Artikel ist der letzte Teil unserer Blog-Serie "Bock Storys" zum 20-jährigen Vereinsjubiläum. Die weiteren Artikel findest du in unseren Bock News.

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