
„Ich habe lange geglaubt, ich hätte gar nichts zu vererben.“
Ein Gespräch mit Leopold G. über Testament, Vertrauen und seine Entscheidung, das Flüchtlingsprojekt Ute Bock zu bedenken.
Ich treffe Leopold an einem sommerlichen Nachmittag im kleinen Garten des Ute Bock Hauses. Es ist ein herzliches Wiedersehen, und wir plaudern genau dort weiter, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben. Leopold erzählt von seinen Reisen, der Oper und dem zuletzt besuchten Konzert. Zwischendurch geht es um das beste Olivenöl und die bequemsten Sneaker. Das mitgebrachte Aufnahmegerät muss noch warten.
Zwei Kaffee später kommen wir dann doch zum eigentlichen Thema: zu Leopolds Entscheidung, das Flüchtlingsprojekt Ute Bock in seinem Testament zu bedenken. Leopold spricht darüber offen, aber ohne große Gesten. Er möchte weder als Wohltäter dargestellt werden noch anderen sagen, was sie tun sollen. Seine Geschichte kann jedoch Menschen ermutigen, sich rechtzeitig mit dem eigenen Nachlass zu beschäftigen, Fragen zu stellen und selbst zu entscheiden, was einmal bleiben soll.
Leopold, du hast einmal gesagt: „Ich habe immer geglaubt, ich hätte gar nichts zu vererben.“ Wie war das gemeint?
Ich habe mich um diese Dinge lange überhaupt nicht gekümmert. Ich habe immer gedacht: Ich habe eh nichts, also kann ich auch nichts vererben. Wenn man keine Kinder und kein großes Vermögen hat, denkt man leicht, ein Testament sei nur für andere Leute wichtig.
Man vergisst dabei aber, dass es gar nicht um ein großes Erbe geht. Es geht doch vor allem darum, zu regeln, wer sich später um Dinge kümmert, wer Zugang zu wichtigen Unterlagen hat, und was nach dem eigenen Tod geschehen soll. Meine Frau und ich hatten darüber gesprochen und vieles auf später verschoben. Als dann klar war, dass ich überbleibe, habe ich angefangen zu überlegen was zu tun ist.
War es kompliziert alles zu regeln?
Nein, beim Testament war der Weg für mich nicht mühsam. Ich habe den Notar gefragt: „Was mache ich jetzt?“. Er hat mir erklärt, welche Möglichkeiten es gibt, und ich habe mir das in Ruhe überlegt. Wir haben die notwendigen Schritte besprochen, und die Dokumente wurden dann entsprechend hinterlegt beziehungsweise registriert. So einfach war das.
Später habe ich mich auch um eine Patientenverfügung gekümmert. Das gehört für mich zusammen: Man legt fest, was man möchte, solange man selbst entscheiden kann.
Natürlich ist jede persönliche Situation anders. Aber mein Eindruck war: Man stellt sich das oft schwieriger vor, als es ist. Wenn man unsicher ist, sollte man sich beraten lassen und die Fragen stellen, die einem wichtig sind.
Wann entstand der Gedanke, auch eine gemeinnützige Organisation zu berücksichtigen?
Das kam nicht alles auf einmal. Zuerst ging es darum, grundsätzlich Ordnung zu schaffen. Dann stellt man sich irgendwann die Frage: Was soll später mit dem geschehen, was da ist? Es gibt keine Kinder oder sonstigen Verwandten, denen ich etwas hinterlassen könnte, daher habe ich nach etwas anderem gesucht.
In meinem konkreten Fall haben wir gemeinsam besprochen, welche Lösung für den Verein sinnvoll und organisatorisch machbar ist. Das ist eine individuelle Vereinbarung, die so für mich passt.
Ich habe sehr viele Bücher und andere Dinge, die mich lange begleitet haben. Bei zweitausend Büchern ergibt selbst ein kleiner Betrag pro Buch in Summe etwas. Aber mir geht es nicht darum, den Wert jedes einzelnen Gegenstands hochzurechnen. Mir war wichtig, dass nicht automatisch alles weggeworfen wird, obwohl vielleicht noch jemand etwas damit anfangen kann. Außerdem wird ja auch noch ein bisschen Geld übrigbleiben und das wollte ich sinnvoll verwendet wissen. Das habe ich mal angebracht und wir haben dann eine gute Lösung gefunden.
Warum hast du dich für das Flüchtlingsprojekt Ute Bock entschieden?
Ich kannte den Verein schon aus den Medien. Aber das allein hätte mir nicht gereicht. Ich wollte wissen, wie gearbeitet wird, was tatsächlich gemacht wird und ob die Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Beim Flüchtlingsprojekt Ute Bock habe ich das Gefühl – wahrscheinlich ist das gegenüber vielen anderen Organisationen ungerecht –, dass es zu den wenigen Vereinen gehört, bei denen ich sicher bin: Wenn gespendet wird, dann geht es dorthin, wo es gebraucht wird.
Dieses Gefühl war nicht einfach von Anfang an da. Es ist durch den persönlichen Kontakt entstanden. Ich war hier, habe die Arbeit gesehen, Fragen gestellt und mir selbst ein Bild gemacht. Danach hatte ich ein gutes Gefühl bei meiner Entscheidung.
Welche Eindrücke sind dir von deinem ersten Besuch besonders in Erinnerung geblieben?
Wenn ich heute jemandem erkläre, was der Verein macht, erzähle ich immer von meinem Rundgang durch das Ute Bock Haus. Von der Lebensmittelausgabe, von Beratung und Bildung, von den Kindern aus der Lerngruppe – also von all den Dingen, die notwendig sind, damit Menschen nicht nur irgendwie durchkommen, sondern wieder eine Perspektive entwickeln können.
Später war ich auch beim Jubiläumsfest. Dort ist mir noch etwas anderes aufgefallen: die besondere Stimmung und der selbstverständliche Umgang miteinander. Es war völlig egal, wo jemand herkam. Wenn man sich dazugestellt oder dazugesetzt hat, war man willkommen.
Meine Großmutter hat sinngemäß immer gesagt: Es ist gleich, ob jemand gestreift oder getupft ist. Genau so habe ich dieses Fest erlebt. Menschlichkeit war hier keine schöne Behauptung auf einem Plakat, sondern im Umgang miteinander tatsächlich spürbar.
Wenn man all das sieht, versteht man erst, wie viel Arbeit dahintersteckt. Jemand hat einmal zu mir gesagt: „Das kostet ja wahnsinnig viel Geld, was die da aufführen.“ Natürlich kostet es Geld. Diese Hilfe muss erst einmal aufgebaut und dauerhaft ermöglicht werden.
Und dann kommt vom Staat zu wenig oder fast nichts. Das ist doch die eigentliche Schande: nicht, dass der Verein diese Arbeit macht, sondern dass er sie in diesem Ausmaß machen muss und dabei auf die Unterstützung der Zivilgesellschaft angewiesen ist.
Hast du Ute Bock einmal kennengelernt?
Leider nicht, ich habe Ute Bock persönlich nicht gekannt. Ich kannte sie natürlich aus dem Fernsehen. Wenn sie gesprochen hat, war da eine unglaubliche Kraft dahinter. Ich habe mich gefragt, wo diese kleine, ältere Frau diese Energie hernimmt.
Als ich das erste Mal hier war, stand ich an der Schwelle zu ihrem Büro. Man hat zu mir gesagt: „Gehen Sie ruhig hinein.“ Das war ein besonderer Moment. Ich weiß nicht, wie ich es genau nennen soll, aber man spürt ihre Präsenz noch immer. Ich glaube, dass man sie auch noch lange spüren wird.
Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Arbeit heute weitergeht und der Verein in guten, auch jüngeren Händen liegt. Kontinuität heißt ja nicht, dass alles unverändert bleiben muss. Es heißt, dass die Haltung bleibt und die Arbeit weitergeführt wird.
Wann hast du den Verein über deine Entscheidung informiert – und wie war die Reaktion?
Ich habe den Verein informiert, nachdem meine Entscheidung feststand. Die Reaktion war – jetzt etwas übertrieben ausgedrückt – grenzenlose Begeisterung.
Euer damaliger Geschäftsführer ist mich anschließend zu Hause besuchen gekommen. Ich habe zuerst ein bisschen gescherzt, wahrscheinlich wollte er schauen, ob ich das auch wirklich ernst meine. Ich konnte das aber gut verstehen. Bei so einer Entscheidung muss man auf beiden Seiten wissen, worum es geht und was realistisch ist.
Seitdem hat sich meine Beziehung zum Verein sehr positiv entwickelt. Wir sehen und hören uns regelmäßig, ich werde zu Veranstaltungen eingeladen, und der Verein gehört mittlerweile zu meinem Leben.
Sprichst du mit Freunden und Bekannten darüber, dass du das Flüchtlingsprojekt Ute Bock im Testament bedacht hast?
Na ja, ich stelle mich jetzt nicht mit einem Megafon auf den Heldenplatz. Aber meine Freunde wissen es. Wenn sich ein Gespräch ergibt oder jemand fragt, erzähle ich davon. Manche finden es großartig, andere nicht. Das hält mich aber nicht davon ab.
Wenn jemanden die Arbeit des Vereins interessiert, erzähle ich von meinen Besuchen und davon, was ich hier gesehen habe. Viele wissen gar nicht, dass man eine gemeinnützige Organisation im Testament überhaupt berücksichtigen kann.
Ich glaube, dass mehr Menschen so etwas tun würden, wenn sie wüssten, dass es möglich ist und dass man es ganz ordentlich und unkompliziert regeln kann.
Siehst du dich dadurch als Botschafter für Testamentsspenden?
Das Wort Botschafter ist vielleicht ein bisschen groß. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil ich sie treffen wollte. Ich will dafür keinen Ruhm und keine Ehre.
Aber wenn meine Erfahrung jemandem hilft, selbst über das Thema nachzudenken, ist das gut. Viele Menschen beschäftigen sich nicht damit, weil ihnen gar nicht bewusst ist, welche Möglichkeiten sie haben. Darüber kann man ruhig sprechen.
Was bedeutet ein Vermächtnis für dich persönlich?
Von mir persönlich muss gar nichts bleiben. Ich brauche keine goldene Plakette, auf der steht, dass ich etwas gespendet oder getan habe. Dafür mache ich es wirklich nicht.
Wenn der Verein aus dem, was ich hinterlasse, etwas für seine Arbeit verwenden kann und dadurch Menschen geholfen wird, genügt mir das. Das ist für mich der Sinn: Nicht mein Name soll bleiben, sondern etwas soll weiterwirken.
Was würdest du Menschen raten, die darüber nachdenken, einen Verein im Testament zu bedenken?
Zuerst sollte man sich informieren und die eigenen Angelegenheiten ordentlich regeln. Wenn man eine Organisation berücksichtigen möchte, sollte man sie kennenlernen, Fragen stellen und schauen, ob man ihrer Arbeit vertraut.
Ich würde niemandem sagen, welche Entscheidung er oder sie treffen soll. Aber man sollte wissen, dass diese Möglichkeit besteht. Und man sollte sie nicht deshalb verwerfen, weil man glaubt, man habe „nicht genug“ zu vererben.
Es kommt nicht darauf an, eine große Geste zu machen. Entscheidend ist, dass man selbst bestimmt, was mit dem eigenen Nachlass geschehen soll – und dass man mit dieser Entscheidung ein gutes Gefühl hat.
„Ich brauche keine Plakette. Von mir persönlich muss gar nichts bleiben. Wenn daraus Menschen geholfen wird, dann reicht mir das.“



